Arbeiten wir zu wenig?

Arbeiten wir zu wenig?

Deutscher Bundestag /Fotograf: Florian Gaertner / photothek

Diese Frage ist spätestens seit Antritt der „Arbeits-Koalition“ stets in der Luft. Sei es Friedrich Merz, der Konzepten wie der „4-Tage-Woche“ den Kampf ansagte, oder jüngst seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche. „Wir müssen mehr und länger arbeiten“, sagt sie. Aber kann man das wirklich so sagen?

Was man sagen kann, ist, dass die Arbeitsstunden pro Kopf tatsächlich gesunken sind und auf einem geringeren Niveau als noch vor 30 Jahren liegen. Das IW, hat errechnet, dass bei 15–64-Jährigen die Arbeitsstunden 2023 bei 1.036 pro Kopf lagen. Allerdings sind solche Zahlen nicht ganz unproblematisch. Warum?

Die Methodik

Tatsächlich ist eine solche Berechnung nicht einfach und keinesfalls eindeutig. Zum einen kann durchaus hinterfragt werden, ob man einen 15-Jährigen und eine 64-Jährige mit einem Menschen, der Schule/Ausbildung/Studium hinter sich hat und im besten Alter für Erwerbstätigkeit ist, vergleichen kann. Sollten so junge und so kurz vor der Rente stehende Personen mit eingerechnet werden?

Andere Länder rechnen außerdem vollkommen unterschiedlich. Das IW weist darauf hin, dass praktisch jedes Land anders rechnet. Und das nicht nur in dieser Frage. So sagt es auch, dass es mit allen Menschen aus dieser Altersklasse rechnet. Also auch denen, die dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht zu Verfügung stehen, weil sie zum Beispiel gerade eine Schule besuchen. Da fällt mir direkt Carsten Linnemann ein mit „Die Rentner“…

Es gibt noch ein weiteres Problem: Verschiedene Institute kommen zu völlig unterschiedlichen Zahlen. Das DIW veröffentlichte 2024 eine Studie, in der es die Gesamtzahl an Arbeitsstunden in Deutschland errechnete. Das Ergebnis ist gänzlich anders, als dass des IWs. 55 Milliarden Stunden hätten die Deutschen 2023 gearbeitet und damit mehr als je zuvor im vereinigten Deutschland. Da seit 1991 der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte um stolze 16 Prozentpunkte gestiegen ist, sei hier ein deutliches Plus zu erkennen.

Andere Institute kommen auf wieder andere Zahlen. Es zeigt sich: Eine pauschale Zahl ist wenig aussagekräftig.

Das Thema Teilzeit

Sie hatten es sicher erwartet. Natürlich muss ich das Thema Teilzeit ansprechen. Laut dem europäischen Statistik-Portal Eurostat, arbeiteten die Deutschen 2024 im Schnitt 34,8 Stunden pro Woche. Und damit, Sie sehen es, belegen wir einen der schlechtesten Plätze in der EU.

Allerdings ist Deutschland mit einer Teilzeitquote von 30-35% (je nach Institut, interessanterweise errechnete die zuerst genannte Studie vom IW sogar 39,5%) unter den Top 3 in der EU. Schaut man sich also die Arbeitsstunden der Vollzeitbeschäftigten an, gibt sich ein gänzlich anderes Bild, wie Sie unten sehen können.

Problematisch ist der Gap zwischen Männern und Frauen. Fast jede zweite Frau in Deutschland arbeitet in Teilzeit, nur etwa jeder zehnte Mann. 67% aller Mütter mit Kindern unter 18. Das ist eine immens hohe Zahl. Im Übrigen sind es nur 9% aller Väter. Hier zeigt sich wieder einmal das alte Problem der ungleichen Kinderbetreuung. In etwa ein Viertel aller Teilzeitbeschäftigten arbeitet einfach, weil sie es wollen in Teilzeit. 25%, liebe Leserinnen und Leser. Alle anderen gaben an, dass sie aufgrund von Kindern, anderen Sorge-Verpflichtungen, gesundheitlichen Problemen, Weiterbildungen, Studium usw. in Teilzeit arbeiten.

Und genau das ist unser Problem. Nein, Deutschland arbeitet nicht einfach zu wenig, im Gegenteil: Die Anzahl der Erwerbstätigen steigt seit 20 Jahren (Corona ausgenommen) kontinuierlich an, der Arbeitsmarkt ist mit 46 Millionen Arbeitskräften so groß wie niemals zuvor. Ja, die Deutschen arbeiten weniger Stunden. Allerdings praktisch ausschließlich aufgrund von Teilzeitbeschäftigten. Den Teilzeitbeschäftigten, die zu 75% einen guten Grund haben in Teilzeit zu arbeiten nun vorzuhalten, sie würden zu wenig arbeiten, entschuldigen Sie, das ist einfach lächerlich.

Das Thema Arbeitsproduktivität

Die Arbeitsproduktivität, also das, was die Menschen wirklich in ihrer Zeit leisten, die ist tatsächlich auf keinem guten Pfad. Laut dem Statistischen Bundesamt ist die Arbeitsproduktivität in den letzten beiden Jahren jeweils minimal gesunken. Aber – und das ist wichtig zu sagen- das ist kein deutsches Problem. In nahezu allen entwickelten Volkswirtschaften sinkt die Arbeitsproduktivität kontinuierlich, Spanien ist die Ausnahme. Laut Forschenden von Destatis ist ein Grund das noch nicht aufgelöste Produktivitätsparadoxon aufgrund der Digitalisierung. Des Weiteren muss aufgrund des demografischen Wandels und dem zunehmenden Fehlen von Fachkräften die Messmethode vermutlich überarbeitet werden.

Das Thema Bürgergeld

Natürlich gibt es auch Potenziale Menschen, die aktuell arbeitslos sind für den Arbeitsmarkt zu akquirieren. In Deutschland beziehen laut BMAS 1,7 Millionen potenziell arbeitsfähige Menschen Bürgergeld. Ein Großteil davon gibt an gesundheitliche Probleme zu haben und knapp zwei Drittel der Empfänger haben keinen Berufsabschluss, einige nicht einmal einen Schulabschluss. Von den bei der BA gemeldeten knapp 600.000 offenen Stellen sind allerdings ein Großteil für hoch ausgebildete Fachkräfte. Die 1,7 Millionen Menschen können also rein rechnerisch gar nicht alle arbeiten. Das Ausbildungsproblem kommt da nur noch erschwerend hinzu.

Natürlich könnte man hier aber zumindest einige weitere Arbeitskräfte gewinnen. Ein Bürgergeld-Bashing wird aber wohl kaum zu mehr Beschäftigung führen. Ein höherer Lohn (vor allem eben durch einen höheren Mindestlohn) und eine geringere Steuerbelastung schon eher. Viele Bürgergeld-Empfänger sprechen übrigens vor allem über das Thema Energie und Lebenshaltungskosten. Die Stromkosten zu senken hat die Koalition, in Person von Frau Reiche allerdings durch die abgesagte Streichung der Stromsteuer für alle, verbockt. Ach und eins noch: Mehr Arbeitsnachfrage setzt natürlich auch eine höhere Güternachfrage voraus. Mit Reallöhnen auf dem Niveau von 2019 wird die aber sicher nicht magisch steigen.

Das Thema Rente

Warum also sagt Katherina Reiche jetzt so etwas? In einem weiteren Satz sagt sie: „Es kann (…) nicht gut gehen, dass wir nur zwei Drittel unseres Erwachsenenlebens arbeiten und ein Drittel in Rente verbringen“. Das ist es also. Es geht ihr also – wie Carsten Linnemann – um die Rentnerinnen und Rentner. Das Renteneintrittsalter muss erhöht werden. Das ist es, was sie meint.

Ich möchte diesen Artikel nicht dem Thema Rente widmen. Zwei Argumente will ich aber doch aufzeigen. Das eine Argument ist die Zeit. Wie Sie sicher wissen, wird das Renteneintrittsalter zurzeit in Deutschland auf 67 angehoben. Beschlossen wurde dies 2012. Abgeschlossen sein wird dies 2031. Also fast 20 Jahre danach. Würden wir eine ähnliche Anhebung zum jetzigen Zeitpunkt machen, wären wir dann 2044 bei 69? Viel zu spät. Eine andere Idee ist, die Rente an die Lebenserwartung zu knüpfen. Das Ifo-Institut hat das mit dem Vorbild Niederlande einmal durchgerechnet. Ein Renteneintrittsalter von 70 würden wir frühestens 2070 erreichen. Viel zu spät, um das heute marode System zu retten. Und mein letzter Punkt: Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters steht weder im CDU-Wahlprogramm noch im Koalitionsvertrag. Sprich: Reiche steht mit ihrer Forderung so ziemlich allein da.

Fazit

Deutschland hat in erster Linie ein Versorgungsproblem. Das massive Potenzial an Arbeitskraft bei Teilzeitbeschäftigen, insbesondere bei Frauen, muss besser ausgeschöpft werden. Das schließt aber nicht nur Kitas, Ganztagsbetreuung und Schulen ein, sondern auch eine bessere Versorgung von alten, pflegebedürftigen Menschen. Wenn gut ausgebildete Fachkräfte nur Teilzeit, oder möglicherweise sogar gar nicht arbeiten, weil sie sich um Eltern und Kinder kümmern müssen, dann ist das für die Wirtschaft in Deutschland natürlich schlecht. Es braucht also deutlich mehr und deutlich schnellere Angebote in diesen Bereichen. Ich erwähne es noch einmal: 75% der Teilzeitbeschäftigen haben familiäre, gesundheitliche, oder bildungstechnische Gründe. Des Weiteren sollten wir natürlich versuchen mehr Menschen für den Arbeitsmarkt zu gewinnen. Ein deutlich höherer Mindestlohn, niedrigere Lebenshaltungskosten und ein besseres Bildungssystem sind da Lösungsansätze. Dieses pauschale „Wir müssen mehr arbeiten“ greift aber viel zu kurz. Daraus ein Renten- und/oder Bürgergeld-Thema zu machen noch kürzer.


Eine Antwort zu „Arbeiten wir zu wenig?“

  1. […] P.S. Zu der Frage, ob wir einfach länger arbeiten sollten, habe ich bereits einen Artikel geschrieben. Diesen findet ihr hier: Arbeiten wir zu wenig? […]

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